Was bedeutet eigentlich agil?

New Work
Jul 17, 2020

In diesem Artikel geht es um die Grundlagen der Agilität. Was ist das eigentlich, agil und welche Dinge liegen dieser Theorie zugrunde? Was ist die Definition? Ich habe bereits darüber geschrieben, wozu Agilität gut ist. Und hier schreibe ich darüber, wie das funktioniert.

Was ihr von diesem Artikel erwarten könnt

Ich erzähle anhand von Beispielen aus meiner Arbeitsrealität, welche Werte eine agile Organisation hat. Nach der Lektüre dieses Artikels solltet ihr ungefähr verstanden haben, was diese Leitsätze sind. Wenn ihr danach denkt, dass sich das gut anfühlt, dann seid ihr bereit für die agile Reise.

Es war einmal in einer Hütte in Utah

Wie es begann

Im Jahre 2001 haben führende Köpfe in der Softwareentwicklung vier Werte erarbeitet und damit den Begriff "agil" oder "Agilität" für diese Methode vereinbart. Zusätzlich haben sie 12 Prinzipien erarbeitet. Auf die gehe ich hier aber nicht weiter ein, das mache ich bestimmt ein anderes mal.

Alle die in der Hütte waren, haben dieses agile Manifest unterzeichnet und sind heute mehr oder weniger Superstars der Branche oder auch außerhalb. Bei mir sind sie das auf jeden Fall.

1. Wert: Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge

Ich hatte neulich einen Bewerber, als ich für einen Kunden neue Leute gesucht hatte. Dieser gab Folgendes von sich:

"Klar kenn ich agil, wir benutzen in meinem jetzigen Projekt Jira".

Das ist ein agiler Megafail. Das impliziert, dass das Tool den Prozess vorgibt. Genau das ist quatsch - wir suchen uns die beste Vorgehensweise und dann ein Tool, dass uns unterstützt. Das kann auch Papier sein. Das platziere ich gerne mal in einer IT Abteilung, dann zähle ich bis zehn und dann kommts: "aber als IT machen wir das doch elektronisch?" Klar! Aber nur, wenn es uns nicht aufhält. Abgesehen davon, dass man mit Jira auch klassisches Projektmanagement abwickeln kann.

Miteinander reden und sich austauschen ist der wesentliche Treiber einer agilen Organisation. Nur das dieser Austausch strukturiert, effizient und zielgerichtet stattfindet und Teil der (Organisations-)Kultur ist. Im besten Fall reicht eine Wand, Stifte, Post-its und eine gute Moderation, um ein gutes Produkt zu designen. Oder um seinen Alltag zu organisieren. Das Tool ist egal und behindert im Zweifel die Entstehung eines kreativen Austausches.

Deshalb hat es auch Standardsoftware wie SAP und Co. immer schwerer: Sie geben den Prozess vor und verhindern im Zweifel, dass die Sinnhaftigkeit dieses Prozesses infrage gestellt wird.

Wie ist die Stimmung im Team wirklich?

ParrotPolls. Das Stimmungsbarometer für Teams. #RedetMiteinander
Jetzt 12 Monate kostenlos testen »

2. Wert: Ein funktionierendes Produkt ist wichtiger als umfassende Dokumentation

An dieser Stelle folgender Hinweis: "ist wichtiger als" ist nicht das gleiche wie "statt". Es besagt, dass im Zweifel das Produkt wichtiger ist als die umfassende Dokumentation. Es besagt nicht, dass Dokumentation egal ist.

Ich fang mal so an: Ich hatte in einem vermeintlich agilen Projekt die Vorgabe, ein Benutzerhandbuch zu schreiben. So mit Bildern, Pfeilen, Erklärungen, ausführlicher Kommentierung, Seitenzahlen und allem was dazu gehört. Die Idee war, dass man einmal ein Produkt kreiert, dann das Handbuch schreibt und es (das Produkt) dann eigentlich nie wieder anfasst. Wenn dann ein neuer Mitarbeiter kommt, bekommt er das Handbuch auf den Tisch geknallt, liest es und weiß Bescheid.

Ich habe nie eines geschrieben. Nicht weil ich keine Lust dazu habe (ok, vielleicht auch deshalb), sondern weil es keinen Sinn macht. In der (agilen) Produktentwicklung ist keine Endlichkeit definiert und Dinge, die heute wichtig sind, können morgen wegen Kundenfeedbacks wieder ausgebaut werden.

Dazu sei mal die Frage erlaubt: Warum brauche ich eigentlich dieses Handbuch? Ist mein Produkt nicht selbsterklärend genug? Ist der Benutzer zu doof? Ich konnte das Kundenbedürfnis befriedigen, in dem ich den aktuellen Stand der Software regelmäßig geschult habe, und auch neuen Mitarbeitern vorgestellt habe. Dadurch habe ich obendrauf noch Feedback erhalten, was tatsächlich auch in das Produkt eingeflossen ist, denn das Feedback der noch unbedarften neuen Mitarbeiter war unserem betriebsblinden Blickwinkel bei weitem überlegen. Dadurch konnten wir das Produkt auch selbsterklärender gestalten. Wenn man so will, ist auch hier die Interaktion wichtiger als das Tool "Handbuch" (siehe 1. Wert).

3. Wert: Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlung

Szenen aus dem Projektleben: Ich bin als Projektleiter für eine neue Software eingesetzt. Mein Auftraggeber ist der Lieferant der Software, und wir treffen uns mit dem Käufer. Es ist ein gutes Meeting, wir sind uns alle einig, was wir erreichen wollen und was die jeweiligen Bedürfnisse sind. Freundliche Umarmungen und Shake-Hands bei der Verabschiedung. Das Besprochene soll nun in einen Vertrag gegossen werden und wird an die entsprechenden Kollegen delegiert. Drei Monate später sind wir bereits dabei die Software zu erstellen, haben aber noch keinen Vertrag, weil es noch viele Streitigkeiten zu einzelnen Paragrafen des mittlerweile 40-seitigen Dokuments gibt. Mein Auftraggeber hat Angst, auf etwas festgenagelt zu werden und sich dadurch einen wirtschaftlichen Nachteil einzuhandeln - Der Kunde ist sauer und prüft alles, was wir tun mit Argusaugen, das Projekt ist auf einem schlechten Weg.

Was ist passiert? Der im Vertrag festgelegte Nutzen der Software wurde durch die Realität überholt. Einzelne Features und Funktionen machten schlichtweg keinen Sinn mehr, weil die Konkurrenz schneller war (oder wir zu langsam). Kompletter Quatsch, jetzt dennoch den Inhalt des Vertrags stur abzuarbeiten. Wir haben uns auf die neue Realität eingestellt, neue Features entwickelt und mit dem Kunden neu priorisiert. Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlung.

Ein Vertragswerk ist eine komplizierte Sache und hat im Zweifel den Anspruch, die allerletzten Details zu klären. Es steht damit auch einer heuristischen Vorgehensweise im Weg.

Ein Vertrag soll Sicherheit in einem schlechten Fall geben. Das ist gut und richtig. Allerdings steht der Fokus auf die letzten Details einer sinnvollen Annäherung im Weg und schürt Misstrauen. Das ist für die agile Vorgehensweise nicht förderlich und daher ist im Zweifel die Orientierung an den Bedürfnissen des Kunden viel wichtiger als der Vertrag. Viele Details sind zum Abschluss des Vertrags schlichtweg unklar. Woher sollen wir sie denn auch kennen, sie liegen in der Zukunft? Damit sage ich nicht, dass man keinen Plan verfolgen sollte, die Rede ist von den letzten 30%.

Vertragsverhandlung ist eine Metapher, es muss nicht notwendigerweise um einen wirklichen Vertrag gehen.

4. Wert: Reagieren auf Veränderung ist wichtiger als das Befolgen eines Plans

Eigentlich ein No-Brainer. Oder? Ich muss das mal loswerden, viele denken wirklich ernsthaft noch so. Ich kann so viele Beispiele aufzählen, in denen die Marktrealitäten die Entwicklung eines Produkts überholt haben, siehe oben. Beispiele, in denen wichtige Ressourcen weggebrochen sind und eine Veränderung notwendig war, um unsere Ziele zu erreichen. Aber kurioserweise musste ich oft argumentieren, überzeugen, aufzeigen, dass wir jetzt im Rahmen unserer Vision reagieren müssen, statt einen Plan zu befolgen, denn wir unter anderen Voraussetzungen entwickelt hatten.

Und dann ziehen sich manche schnell zurück auf folgende Floskel (bei der ich Schnappatung bekomme):

Achja, du willst ja agil machen, da braucht man ja auch keinen Plan.

Ich persönlich glaube, dass dies auch viel mit Angst vor Unsicherheit zu tun hat. Das ist per se nichts Schlimmes, aber führt eben zu kuriosen Entscheidungen. Die Gründer von Runtastic wollten eigentlich eine Laufstrecke mit Bewegungssensoren bauen. Das war alles schwierig, und dann kam die gps Funktion des iPhones. Also haben sie beschlossen, einfach in einer App zu tracken. Sie sind jetzt Teil von Adidas und eine Start-up-Legende. Damit sind sie ihrer Vision treu geblieben. Sie boten den gleichen Nutzen, nur anders.

Die agile Reise

Diese Werte bieten die Basis für eine grundsätzliche Herangehensweise im unternehmerischen Kontext. Wenn eine Organisation diese Werte verinnerlicht hat und danach handelt, ist sie sehr nah dran. Wir von ParrotPolls finden die Werte super und ich predige sie ständig bei Kunden und Vorträgen.

Aber manchmal erwischen wir uns selbst dabei, dass wir an unserem Plan festhalten wollen, obwohl sich die Realität gedreht hat. Wie wir es toll finden, wenn uns ein Vertragspapier Sicherheit gibt. Long Story Short: Diese Werte sind super, aber sie widersprechen ein wenig dem menschlichen Naturell. Ist doch bequemer, den Plan stumpf abzuarbeiten, als wieder vieles neu zu machen. Pfui.

Auch deshalb sprechen viele in der Szene von der agilen Reise: Der Weg ist das Ziel. Es gibt also kein Ziel, kein definierten Endzustand. Ätzend, oder? Willkommen in unserer Welt. Das ist nämlich eines der wichtigsten Erkenntnisse: Es gibt keinen definierten Endzustand in der Organisation. So wie es in der Wirtschaft eben auch keinen Ruhezustand gibt. Macht halt auch Sinn, das Zeug.


Ähnliche Artikel

#NewWork #RedetMiteinander

Neu: Tipps für (virtuelle) Teams

Kostenlose Tipps, frisch in die Inbox.